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Neue Aktionswoche in
Washington für die
Freilassung der Cuban Five
Interview mit
René González
Volker
Hermsdorf
WIR hatten auf ein
Gespräch mit Ihnen während der Internationalen
Anhörung zum Fall der »Cuban Five« Anfang März in
London gehofft. Aber obwohl Sie der Hauptzeuge des
Hearings waren, verweigerte Großbritannien Ihnen die
Einreise. Hat Sie das eigentlich überrascht?
Ehrlich gesagt, nicht
wirklich. Die Übereinstimmungen zwischen der
britischen und der US-amerikanischen Regierung, die
tiefe historische Wurzeln und auch ökonomische
Gründe haben, sind ja jedem bekannt. Allerdings war
das Verhalten der britischen Behörden höchst
widersprüchlich. Ein Kubaner mit Wohnsitz in Miami,
der wegen terroristischer Aktivitäten viele Jahre in
Kuba im Gefängnis saß, jetzt aber ein Anhänger der
Revolution ist, hat an der Konferenz in London
teilgenommen. Er hat mir später eine E-Mail
geschickt und meinte, es sei wirklich kurios: „Ich
war als Terrorist rechtmäßig verurteilt und
inhaftiert und durfte einreisen, während Dir das
Visum abgelehnt wurde, obwohl Du lediglich dafür
eingesperrt worden bist, weiteren Terror verhindern
zu wollen." Dahinter steckt die einfache Logik der
USA, daß sie ihre eigenen Terroristen schützen.
Zu der Anhörung in London
hatten über 6000 Menschen aufgerufen, darunter rund
200 bekannte Persönlichkeiten wie Nobelpreisträger,
Juristen, Politiker, Künstler, Wissenschaftler und
andere Prominente aus aller Welt. Die 300 Teilnehmer
kamen aus 27 Ländern. Trotzdem wurde die Anhörung
ebenso wie der Fall der „Cuban Five" von den großen
Medien verschwiegen. Was kann die
Solidaritätsbewegung tun, um diese Mauer des
Schweigens zu durchbrechen?
Auf die Medien der
westlichen Länder sollten wir nicht viel Hoffnung
setzen. Damit sie überhaupt Notiz von dem Fall und
unseren Positionen nehmen, muß man etwas
Außergewöhnliches machen. Trotzdem werden die großen
Medien weiterhin über den Fall der „Cuban Five"
schweigen. Das ist ja eine bewußte politische
Strategie. Statt zu sehr auf die Medien zu hoffen,
sollten wir auf die Kraft unseres Tuns setzen. Das
Wichtigste in diesem Jahr ist die Solidaritätswoche
vom 4. bis 11. Juni in Washington, dem Zentrum der
politischen Macht in den USA. Ich halte eine
gelungene Aktion dort für Erfolg versprechender, als
zuviel Kraft in den Kampf gegen Manipulationen der
großen Medien zu stecken.
Der preußische General Carl
von Clausewitz hat vor 200 Jahren den Krieg als
Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln
bezeichnet. Heute sind Gewalt und Terror Ersatz für
Politik, wie in der Ukraine, in Venezuela und in
Kuba. Sie haben für den Kampf gegen den Terror im
Gefängnis gesessen. War Ihre Mission trotzdem
erfolgreich?
Seit Clausewitz hat sich das
Szenario verändert. Damals wurden zur Eroberung vor
allem Kriege geführt. Heute bedienen sich die
Aggressoren differenzierterer Methoden, zum Beispiel
über die neuen Medien und soziale Netzwerke. Das ist
subtiler und viel gefährlicher. Gewalt, Terror,
Invasionen und Kriege werden über das Internet
vorbereitet. Die aktuellsten Beispiele erleben wir
in der Ukraine und in Venezuela, und niemand weiß,
wie das endet. Wir in Kuba haben seit mehr als 50
Jahren alle Facetten dieses Krieges kennengelernt:
Terrorismus, direkte Invasion, Vernichtung von
Ernten und Tierbeständen, ökonomische Blockade, den
Medienkrieg und in der letzten Zeit eine zunehmende
subtile Aggression über die sozialen Medien und
Netzwerke. „ZunZuneo" ist ein Beispiel dafür. Unsere
Mission in den USA konnte Anschläge verhindern, hat
Leben und Gesundheit der Bürger geschützt. Aber
Projekte zur Destabilisierung unseres Landes wie zum
Beispiel „ZunZuneo" werden weiterhin von dort
betrieben. Ich halte derartige geheimdienstliche
Operationen gegen die Regierungen und die Stabilität
anderer Länder, egal ob von der CIA oder der USAID
initiiert, für sehr gefährlich, weil sie
Vorbereitungen von Gewalt und Terror sind. Menschen,
die uns davor schützen, leisten eine wertvolle
Arbeit.
Amnesty International klagt
an, daß Politik und Justiz in den USA den Fall der
„Cuban Five" für ihre politischen Ziele mißbraucht
und daß Sie und die anderen vier nie die Chance auf
ein faires Verfahren gehabt haben. Wie wichtig ist
dieser aktuelle Report von Amnesty International?
Ich halte diesen Bericht von
Amnesty International für außerordentlich wichtig.
Es ist das zweite Mal, daß diese Organisation sich
zu dem Fall äußert. Sie hat dazu die Vorgeschichte
unserer Verhaftung, die Einmischung der US-Regierung
bei der Vorbereitung des Prozesses, die Bezahlung
von Journalisten zur Beeinflussung des Verfahrens,
die Behinderungen der Verteidigung und viele weitere
Umstände sehr gründlich analysiert und kommt zu dem
Ergebnis, daß keiner von uns fünf einen fairen
Prozeß hatte. Die jeweils verhängten Strafen,
besonders die zweifache lebenslange Haft für Gerardo
Hernández nennt Amnesty eine »offensichtliche
Ungerechtigkeit«.
Die Amtszeit von Präsident
Barack Obama endet im Januar 2017. In London war
immer wieder zu hören, daß die nächsten beiden Jahre
für die Freilassung der noch in den USA inhaftierten
drei Aufklärer entscheidend sind. Was bedeutet das?
Das ist genau das
Zeitfenster, das wir nutzen müssen. Wenn Obama seine
Amtszeit beendet und den Fall bis dahin nicht durch
seine Entscheidung gelöst hat, wird die
Angelegenheit komplizierter werden. Um es mit einem
astrologischen Begriff zu sagen, standen die Sterne
für eine positive Lösung nie so günstig wie jetzt.
Damit will ich nicht sagen, daß alles in trockenen
Tüchern ist, aber der gegenwärtige Zeitpunkt ist
günstig. Es gibt wachsenden inneren Druck auf die
US-Regierung, das Verhältnis zu Kuba zu verbessern,
und die Stimmung gegenüber uns hat sich dort in den
letzten Jahren verändert. Viele Interessenvertreter
begreifen, daß die bisherige feindliche Haltung zu
Kuba den USA mehr geschadet als genützt hat. In
Lateinamerika und vielen anderen Regionen der Welt
haben sie sich dadurch selbst isoliert. Zahlreiche
US-Politiker, darunter eine Reihe von Senatoren,
fordern eine Verbesserung der Beziehungen. Zudem
spielen die ultrarechten kubafeindlichen
Gruppierungen eine immer geringere Rolle, ihr
Einfluß auf die Politik schwindet. All diese
Faktoren begünstigen eine Entscheidung zur
Freilassung unserer drei Kampfgefährten. Obama kann
den Prozeß politisch entscheiden. Er muß dafür nur
ein Stück Papier unterschreiben.
Wie kann die
Solidaritätsbewegung in Europa Sie in Washington
unterstützen?
Ich halte diese Aktionswoche
für sehr wichtig und wünsche mir, daß die Leser der
jungen Welt und viele weitere Freunde in Europa
deren Bedeutung verstehen und sich für ihren Erfolg
einsetzen. Die Entscheidung über die Freilassung
unserer noch inhaftierten Brüder muß schließlich in
Washington gefällt werden. Dies ist seit 2012 die
dritte derartige Aktion dort. Am Anfang gab es bei
den Organisatoren Unsicherheit, ob ein so
anspruchsvolles Projekt überhaupt realisiert werden
kann. Dennoch wurde schon die erste Aktionswoche –
trotz noch geringer Beteiligung – ein Erfolg. An der
zweiten Aktionswoche beteiligten sich im letzten
Jahr bereits mehr Menschen. Es gab mehr
Veranstaltungen, Besuche im Kongress, Kontakte mit
Abgeordneten und eine stärkere Beachtung in der
Öffentlichkeit. In diesem Jahr hoffen wir, daß die
dritte Aktionswoche, die vom 4. bis 11. Juni
stattfindet, eine noch größere Beteiligung und
Wirkung hat. Ich appelliere an Abgeordnete im
Europaparlament, in den nationalen Parlamenten,
denen der Provinzen, Städte und Gemeinden, sich
daran nach ihren Möglichkeiten zu beteiligen. Nach
der Anhörung in London setzen viele Aktivisten in
den USA und Kanada große Erwartungen in die
Solidarität und Unterstützung der Europäer. Ich
halte auch den Versuch für wichtig, den Kreis der
Unterstützer über die klassische
Solidaritätsbewegung und die Linke hinaus zu
erweitern. Wir werden in diesem Jahr sicher nicht
alle Ziele erreichen. Aber wir können in Washington
etwas tun, was nicht zu überhören ist. Das ist im
Moment einer der wichtigsten Beiträge im Kampf für
die Freilassung unserer Genossen Antonio Guerrero,
Ramón Labañino und Gerardo Hernández.
(Entnommen aus junge Welt)
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