Nicht
landwirtschaftliche Genossenschaften in Kuba: aus
einem Experiment wurde eine Neuheit in Kuba
Livia Rodríguez
Delis
In den letzten Monaten wuchs auf der Insel die
Anzahl der nicht landwirtschaftlichen
Genossenschaften, eine Modalität, die sich bereits
ausdehnt und anschickt, den Wirtschaftszweigen des
Karibiklandes Dynamik und Effizienz einzuimpfen.
Gegenwärtig gibt es in Kuba 452 Vereinigungen
dieser Art in den Bereichen Handel, Gastronomie und
Service, Bauwesen, Transport, Industrie und
Nahrungsmittelindustrie. Vor Kurzem wählten auch die
Bereiche Energie und Buchhaltung dieses
Geschäftsmodell.
Die Geschichte verzeichnet die Schaffung der
ersten Genossenschaft im Jahr 1884, als 28
Textilarbeiter in Rochdale, England, eine
Einrichtung gründeten, um den Zugang zu
Lebensmitteln zu erleichtern.
Die Arbeiter kauften zu Großhandelspreisen
Zucker, Mehl, Salz und Butter und verkauften diese
später zu niedrigeren Preisen als den auf dem Markt
üblichen. Die Vereinigung stützte sich auf den
freiwilligen Ein- und Austritt, demokratische
Kontrolle, politische, die Rassen betreffende und
religiöse Neutralität; Barverkauf; Zurückgabe von
Überschüssen; begrenzte Kapitalzinsen und ständige
Weiterbildung.
Von diesem Moment an wurde der Aufschwung dieser
Bewegung offensichtlich, dessen größter Boom nach
der Gründung der International Co-operative Alliance
(ICA) in Europa im Jahre 1895 zu verzeichnen war.
Heute wird geschätzt, dass es auf der Welt
750.000 Genossenschaften gibt, die mehr als 800
Millionen Menschen umfassen, was über 12 % der
Erdbevölkerung ausmacht.
Angaben der ICA weisen aus, dass die
Genossenschaften gegenwärtig Serviceleistungen für
jeden zweiten Erdbewohner erbringen und die 300
wichtigsten der Welt mit über zwei Billionen Dollar
bewertet werden.
Kuba verfügt über eine Erfahrung von fast einem
halben Jahrhundert mit dieser Art von Vereinigung,
zunächst mit der Entstehung der Genossenschaften für
Kredit und Dienstleistungen, im Jahr 1960, später
der Genossenschaft der Landwirtschaftlichen
Produktion und danach im Jahr 1993 der
Grundeinheiten der Genossenschaftlichen Produktion,
die alle dem landwirtschaftlichen Bereich angehören.
Dieser auf internationaler Ebene anerkannte
Erfahrungsreichtum hat es der Insel ermöglicht, dem
Lateinamerikanischen Netz des Genossenschaftswesens
zu präsidieren, einer Organisation, die diese
Modalität auf dem Kontinent zusammen mit der
Konföderation der Genossenschaften der Karibik und
Mittelamerikas sowie anderen Einrichtungen fördert.
Mit der Ausdehnung des Kooperativismus auf andere
Wirtschaftsbereiche beabsichtigt Kuba, diese
Kenntnisse aus über 50 Jahren auf andere Bereiche
des Lebens des Landes zu übertragen.
Zweifellos nehmen die Genossenschaften als
organisierte Alternative der Selbstverwaltung einen
wichtigen Platz in der Aktualisierung des
kubanischen Wirtschaftsmodells ein.
Davon zeugt das vom 6. Parteitag der
Kommunistischen Partei Kubas beschlossene Programm,
in dem außer dem sozialistischen Staatsbetrieb auch
der Kooperativismus anerkannt und gefördert wird,
aufgrund der Notwendigkeit, die Verwaltung des
Staates zu dezentralisieren, um eine größere
Effektivität zu erreichen.
Außerdem stehen ihre Grundprinzipien in keinem
Widerspruch zur sozialistischen Gesellschaft: offene
und freiwillige Mitgliedschaft, demokratische
Kontrolle und wirtschaftliche Beteiligung der
Mitglieder, Verpflichtung gegenüber der Gemeinschaft,
ihre Autonomie und Unabhängigkeit, was ein Klima der
gegenseitigen Hilfe, Verantwortung, Demokratie,
Gleichheit, Gerechtigkeit und Solidarität ermöglicht.
CONFECCIONES MODEL: EINE KUBANISCHE INITIATIVE
DER BETEILIGUNG
Seitdem es zu einer Genossenschaft wurde hat sich
die Funktionsweise bei Konfektionen Model, einer
alten Schneiderwerkstatt in der Straße San Rafael in
Havanna, gewandelt.
Vor etwa einem Jahr kam bei den Beschäftigten
dieser Werkstatt, die sich der Konfektion und dem
Verkauf von Kleidung (hauptsächlich der
traditionellen Guayabera) für kubanische Peso widmen,
die Idee auf, unabhängig zu sein und sich
wirtschaftlich vom Betrieb zu lösen.
„Da wir rein technisch alle Voraussetzungen
hatten, um große Produktionsmengen zu bewältigen,
warum sollten wir uns also nicht umwandeln und der
kubanischen Wirtschaft anpassen?", sagte ihre
Vorsitzende, Nancy Varela Medina, gegenüber Granma
Internacional.
Um zur Genossenschaft zu werden, zählten sie auf
ein erfahrenes Arbeitskollektiv, gute Nähmaschinen
und ein durch seine Größe und Lage geeignetes Lokal.
„Wir waren die ersten, die ein Projekt
einreichten, das wirklich großen Anklang fand; es
war nicht leicht, aber wir haben es geschafft. Wir
erhielten die Bestätigung von Seiten des
Ministerrates und erledigten die Formalitäten in der
Internationalen Anwaltskanzlei, dem Handelsregister
und begannen ab dem ersten Oktober als
Genossenschaft."
Nunmehr sind 41 Modeschöpfer, Schneider,
Näherinnen, Zuschneider und Zeichnerinnen
Genossenschaftsmitglieder, genug, um sich den großen
Bestellungen für Uniformen und Guayaberas zu
stellen, die sie erhalten.
Ist das Leben wie immer weitergegangen?
„Die Veränderungen sind spürbar. Vorher hatten
wir ein festes Gehalt und Incentives; heute
verdienen wir in Abhängigkeit davon, was wir
verkaufen", stellte Nancy Varela fest, die bereits
die Anstrengung spürt, selbstständig und weiterhin
produktiv zu sein. „Es ist ein großer Unterschied,
die Direktorin des Ateliers zu sein oder die
Vorsitzende der Genossenschaft Confecciones Model."
Die Bezahlung hängt vom Gewinn ab. Das bedeutet,
dass mit dem Gewinn aus dem Verkauf vom Vormonat die
Beschäftigten bezahlt werden, wobei deren jeweilige
Arbeitsleistung beachtet wird. Vorher müssen die
wirtschaftlichen Verpflichtungen gegenüber dem
Nationalbüro für Steuerwesen entrichtet werden und
die Schulden gegenüber dem Betrieb, was die Miete
der Räumlichkeiten, Ausrüstungen und Anlagen, sowie
den Kauf von Ausgangsmaterial betrifft.
„Ein Beispiel: Die auf eine Arbeit
spezialisierten Näherinnen (Guayaberas herzustellen
oder Maßanzüge) haben eine andere Entlohnung als die
anderen und werden je nach ihrer Kategorie bezahlt.
Außerdem ist es sehr schwer, ein solch
qualifiziertes Personal für Herrenschneiderei zu
finden, wie wir es haben, und deshalb müssen wir es
hüten."
Für Alfredo Valdés, einen 80- jährigen
Herrenschneider, sind nach der Gesundheit die
Schneiderei und die Musik die wichtigsten Dinge im
Leben.
„Die Musik erfreut das Volk und ohne
entsprechende Kleidung kann man nicht zu Geltung
kommen. Der Herrenschneider ist ein Ingenieur",
behauptete Alfredo, während er ein Sakko genau
ausmaß.
„In Kuba gibt es sehr wenige Herrenschneider.
Junge Leute müssen ausgebildet werden, denen die
Schönheit eines Berufes vermittelt werden muss, den
es zu retten gilt."
Obwohl er persönlich noch nicht ganz zufrieden
ist, spürt Alfredo, dass das Leben sich verbessert
hat, seitdem er Genossenschaftsmitglied ist. „Bisher
geht es uns gut, aber der Stoff oder das Garn dürfen
nicht ausgehen."
Die Unruhe des Achtzigjährigen ist gerechtfertigt.
Wie die Vorsitzende der Genossenschaft ausführt,
gehören zu den Schwierigkeiten, denen sie in der
neuen Produktionsweise begegnen müssen, die
Verfügbarkeit und die Kosten des Ausgangsmaterials.
„Wir haben einige Materialprobleme. Mittels
Verträgen kaufen wir den Stoff und das Garn direkt
beim Unternehmen Universal Habana - früher machten
wir das beim Zwischenhändlerbetrieb. Das größte
Problem ist für uns der Preis, denn in Anbetracht
unseres Produktionsvolumens sind wir der Meinung,
dass dies ein niedrigerer Preis sein muss als der,
der den Selbstständigen geboten wird", sagt uns
Nancy Varela.
Marquidia Pérez, die seit fast 20 Jahren bei
Confecciones Model arbeitet, beobachtet jedoch ein
anderes Alarmzeichen, das den Produktionsrhythmus
stören kann.
„Die Kunden gehen sehr zufrieden mit der Qualität
der Arbeit von dannen, was in hohem Maße unseren
Schneidern zu verdanken ist. Aber es ist
beunruhigend, dass sie sehr alt sind und der
Nachwuchs nur gering. Es ist notwendig, mehr
Jugendliche auszubilden, und ihnen den Wert dieser
Arbeit nahe zu bringen."
„Diese neue Struktur hat uns viel Nutzen gebracht,
sowohl für die Wirtschaft als auch persönlich, aber
das Wichtigste ist, dass wir jetzt enger
zusammenarbeiten und uns viel gegenseitig helfen,
das heißt, wir arbeiten als Freunde zusammen. Wir
wissen, dass unser Überleben von der Arbeit im
Kollektiv abhängt, von der Verantwortung und den
Entscheidungen, die wir treffen, um unsere
Genossenschaft bei guter Gesundheit zu halten."