Politische Gefangene des Imperiums MIAMI 5       

     

   

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Havanna, 8 Mai 2014

 

Gabo wird niemals einsam sein

Gabriel Molina

Als am Donnerstag, dem 9. Juli 2008, eine Reflexion von Fidel Castro veröffentlicht wurde, waren Gabriel García Márquez und seine Mercedes Barcha sehr beeindruckt von der betäubenden Zuneigung des Comandante.

„Was Fidel geschrieben hat, machte mich sprachlos. Mir schien, ihn gestern kennengelernt zu haben. Noch nie hatte ich ihn so gesehen, so liebevoll", sagte Gabo einigen seiner kubanischen Freunde gegenüber.

„Er war so hingebungsvoll und entspannt. Über alles wurde geredet, über Birán, das wir mit ihm besucht hatten", sagte Mercedes. „Ja, über viele Themen, eingehend und klar", bestätigte ihr Partner, der über mehr als 50 Jahre untrennbar mit ihr verbunden war, und fügte hinzu: „Heute kann ich wirklich nicht aus dem Haus gehen."

Er hatte recht, nach diesen Worten, die über Presse, Radio und Fernsehen Millionen Kubaner erreicht hatten, wäre es belastend gewesen, sich öffentlich zu zeigen. Hätte dies ein anderer gesagt, könnte es als übertrieben gelten, aber bei ihm nicht. Er bezog sich darauf, was am Vorabend in einem der Restaurants des Hotels Meliá Cohíba vor sich gegangen war.

Nach 15.00 Uhr war das Restaurant fast leer gewesen. Daher kamen, sobald Gabo, Mercedes, Conchita Dumois und der Autor dieser Zeilen Platz genommen hatten, Melia-Vertreter bis zu den einfachsten Beschäftigten an unseren Tisch, um Gabo die Hand zu reichen. Da sie immer mutiger wurden, konnten wir uns bereits nicht mehr über unser drittes Treffen mit dem Kollegen Angel Augier unterhalten, der bald 100 Jahre werden würde, von denen knapp 50 in Einsamkeit verlaufen waren. Die Bewunderer von García Márquez brachten Bücher, Zettel und alle Arten von Souvenirs, damit er eine Widmung schrieb, und baten darum, sich mit ihm fotografieren zu lassen. Ich gebe zu, dass ich in dem Moment lieber sein geistreiches Gespräch genossen hätte. Er sprach gern über jene Zeiten. Ich glaubte, dass er wegen der Unterbrechung die Geduld verlieren würde. Aber ich irrte mich, er war immer so, frei von jedem elitären Gefühl, das die Berühmtheit in einigen hervorruft. Man könnte sagen, dass er es genoss, als die einfachen Leute die Scheu überwanden, mit der sie sich den Berühmtheiten nähern. […]

Zu vielen Leuten steigt der Erfolg zu Kopf, insbesondere wenn der Ruhm nicht so herausragend und verdient ist wie in seinem Fall. Nachdem wir uns jahrelang nicht gesehen hatten, konnte ich nicht aufhören, mich zu wundern, dass er nicht nur er selbst geblieben, sondern noch viel besser geworden war. Er hatte seine Natürlichkeit erhalten.

Gabriel García Márquez war so berühmt geworden, dass es ihn manchmal belastete, wie damals, als ein Unbekannter einen gefälschten Brief schrieb, der im Internet zirkulierte, als Abschied angesichts seines ebenfalls erlogenen baldigen Todes. Ich bemerkte dies eines Tages und er erzählte, wie diese Person und andere mehrere Mal ähnliche Dinge getan hatten.

Vielleicht ist es bedauerlich, die Privatsphäre zu verlieren, besonders, wenn man sie am meisten braucht. Aber Gabo bewies, dass es wichtiger ist, zu wissen, mit dem Ruhm umzugehen. Im Meliá führte er die Bezeigung von Zuneigung, Geist und Achtung weiter, die er bei unseren drei Treffen mit Augier an den Tag gelegt hatte. Bis wir wieder gingen nahm er die Schmeicheleien mit einer ruhigen und erstaunlichen Bereitschaft hin, die die kubanischen und spanischen Angestellten aufmunterte. Einige bedauerten, dass sie in jenem Moment keine Bücher von ihm hatten und er versprach, ihnen einige zukommen zu lassen.

Am nächsten Tag fragte ich ihn danach, und er hatte es bereits getan. Das hätte mich nicht wundern sollen. Wie konnte ich an den Proben seiner Bescheidenheit zweifeln, die er uns im Verlauf der Jahre erbracht hat? Gabo war offen wie ein echter kolumbianischer Küstenbewohner. […]

Auch die Mitarbeiter von Granma Internacional waren begeistert, als er sich im August 2001 mit seinem überschäumenden Genie zu einem Besuch bereit fand, um sie zu begrüßen, bevor wir, da der Fahrstuhl kaputt war, acht Stockwerke zu Fuß erklimmen mussten, um Augier in dessen Wohnung in Habana del Este zu besuchen. Auf dem Weg nach oben konnte ich erneut seine so natürliche menschliche Art bewundern. Er sang gern — einmal hatte er das sogar in einem Pariser Nachtlokal getan, um sich mit den täglichen Ausgaben zu behelfen — und genoss unterhaltsame Gespräche, gute Musik und heitere Getränke. Ihm machten die Boleros Freude und er wollte sie komponieren, war aber mit seinen Versuchen nicht zufrieden; ebenso gefielen ihm die Vallenatos. Er sagte, dass „Hundert Jahre Einsamkeit ein Vallenato mit 450 Seiten" sei.

Der García Márquez, der Fidel beeindruckte, war nicht nur ein außergewöhnlicher Schriftsteller und Journalist, den die Welt bewundert und verehrt, sondern auch ein außergewöhnlicher Mensch, der dem mit nicht weniger Liebe entspricht. Persönlich konnte ich das eines der letzten Male feststellen, an denen wir zusammen waren, als er mit Conchita seine Erinnerungen an Prensa Latina für das Buch von Masetti zusammenstellte. Es waren Tage, an denen das Leben des Comandante in großer Gefahr war. García Márquez unterbrach sich alle fünf Minuten, um mir immer wieder zu sagen: „Wie wird es wohl Fidel gehen?" Er erinnerte sich nicht einmal daran, dass auch seine Gesundheit angegriffen war.

Deshalb waren beide so berührt von dem, was Fidel über ihn und Mercedes schrieb. Es sei mir gestattet, zu dieser traurigen Stunde einige dieser Gefühle des Comandante wiederzugeben: „Ich hatte beschlossen auszuruhen und mich mit Gabo und Mercedes Barcha, seiner Frau, zu treffen, die bis zum 11. in Kuba zu Besuch weilen. Wie sehr habe ich den Wunsch gehegt, anlässlich von 50 Jahren aufrichtiger Freundschaft einen Austausch zur Erinnerung an diese Zeit zu führen! (...) Ich hatte nie die Ehre Aracataca, den kleinen Geburtsort von Gabo, kennen zu lernen, aber er genoss das Privileg, auf meine Einladung hin meinen 70. Geburtstag mit mir in Birán zu feiern. (…) Unsere Freundschaft war das Ergebnis einer über viele Jahre gepflegten Beziehung, während der es viele Gespräche gab, die für mich immer unterhaltsam waren und deren Anzahl mehrere hundert betrug. Mich mit García Márquez und Mercedes während jedes ihres Aufenthalts in Kuba zu unterhalten – sie kamen mehrmals im Jahr –, wurde für mich zu einem Rezept gegen die starken Spannungen, unter denen unbewusst aber ständig ein kubanischer Revolutionsführer lebte."

„In Kolumbien selbst organisierten die Gastgeber anlässlich des 4. Iberoamerikanischen Gipfels eine Kutschfahrt durch den von einer Mauer eingefassten Teil von Cartagena (…) Die Genossen der kubanischen Sicherheitsorgane hatten mir gesagt, dass es nicht angebracht sei, an der vorgesehenen Spazierfahrt teilzunehmen. Ich war der Meinung, dass es sich um eine übertriebene Besorgnis handelte, da durch die zu große Kompartimentierung diejenigen, die mich informierten, über keine konkreten Angaben verfügten. Ich habe immer ihre Berufskenntnis geachtet und mit ihnen zusammengearbeitet!

Ich rief Gabo an, der in der Nähe war, und sagte zu ihm im Scherz: ´Steig zu uns in die Kutsche, damit nicht auf uns geschossen wird!´ Uns so hat er es getan. Zu Mercedes, die am Abfahrtsort blieb, habe ich im selben scherzhaften Ton hinzugefügt: ´Du wirst die jüngste Witwe sein.´ Das vergisst sie nicht! (…) Später erfuhr ich, dass dort dasselbe geschehen ist, wie damals in Santiago de Chile, als eine Fernsehkamera, die eine Selbstladewaffe enthielt, bei einer Pressekonferenz auf mich zielte, und der sie bedienende Söldner sich nicht traute, abzudrücken. In Cartagena lauerten sie mit Scharfschützen und Selbstladegewehren in einem Hinterhalt an einer bestimmten Stelle des mit Mauern umgebenen Geländes und erneut zitterten diejenigen, die abdrücken sollten. Der Vorwand war, dass Gabos Kopf ihnen die Sicht verwehrte ..."

Mit Fidel durch die Welt zu ziehen, beinhaltete dieses Risiko.

Am Ende seines Artikels schrieb Fidel, dass Gabo nicht gerne Reden hielt. Der Comandante bezeichnete jedoch jene, die er beim Empfang des Nobelpreises erhielt, als eine Kostbarkeit: „Wir Geschichtenerzähler, die alles glauben, fühlen uns im Recht, zu glauben, dass es noch nicht zu spät ist, um die Schaffung der entgegengesetzten Utopie in Angriff zu nehmen."

„Eine neue und überwältigende Utopie des Lebens, wo niemand für andere selbst die Art und Weise zu sterben entscheiden kann, wo die Liebe wirklich wahr ist und das Glück möglich, und wo die zu hundert Jahren Einsamkeit verurteilten Geschlechter endlich und für immer eine zweite Chance auf der Erde haben." […]

Dies ist eine sehr einfache, persönliche und aufrichtige Ehrung. Es ist nicht nur eine persönliche Überprüfung. Denn er bekannte sich zum ethischen Journalismus. Ich weiß, dass García Márquez nie wieder einsam sein wird. Eines Tages sagte er, dass er zu denen gehört, die mit den Freunden beerdigt werden. Jetzt hat er seine Idee übertroffen: Seine Asche wird immer in der Luft seiner Freunde sein.
 

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