Politische Gefangene des Imperiums MIAMI 5       

     

   

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U N S E R - A M E R I K A

Havanna, 4 September 2014

 

Das Leben eines Mannes und die Vergangenheit einer Nation

Laura Bécquer Paseiro

„ES sind Geräusche im Kopf, Schmetterlinge, die einen außerhalb des Gesichtsfeldes umfliegen. Es gibt Dinge, die du nicht kennst und doch kennst, und du fängst an, sie zu hinterfragen, sobald ein Indiz auftaucht". Diese „Geräusche" begleiteten den argentinischen Musiker Ignacio Hurban. Seine wahre Geschichte, eine der vielen, die durch den Terror verfälscht worden sind, wurde bekannt und erschütterte eine ganze Nation.

Guido Montoya Carlotto neben seiner Großmutter, der Leiterin der Bewegung der Großmütter des Mai-Platzes, Estela de Carlotto. Foto: INFONEWS

Seine biologischen Eltern, Laura Carlotto und Oscar Montoya, verschwanden 1977 als Opfer des selektiven Terrors, der Verfolgung, der Repression, der Folter und des Staatsterrorismus gegen die Mitglieder linker Organisationen, die während der letzten Militärdiktatur in Argentinien (1976-1983) an der Tagesordnung waren. Nach Zeugenaussagen wurde Laura im Geheimgefängnis La Cacha in Buenos Aires gefangen gehalten. Am 26. Juni des Folgejahres gebar sie in einem Militärkrankenhaus einen Sohn, den sie Guido nannte. Zwei Monate später wurde sie ermordet.

Der Kleine wurde zur Adoption freigegeben und erst 36 Jahre danach wurde seine Vergangenheit bekannt. Er berichtet, dass er sich angesichts seiner Zweifel beim Nationalausschuss für das Recht auf Identität meldete und nach einem Genetiktest in der Nationalen Bank für Gendaten seinen wahren Namen erfuhr: Guido Montoya Carlotto. Auf diese Weise wurde er zum Enkel Nr. 114, dessen Identität wiederhergestellt worden war, dank der unermüdlichen Suche der „Großmütter der Plaza de Mayo", die von Estela de Carlotto, seiner Großmutter, angeführt wird.

VERZEIHEN UND VERGESSEN?
So wie tausende argentinische Familien war auch die von Guido Zeuge eines Hasses, dessen schrecklichste Auswüchse das Leben Tausender von Menschen zerstörte. Eine ausgeklügelte Hölle in einem systematischen Plan des Kindesraubes, der eine methodische Verhaftung von Schwangeren, geheim gehaltene Geburten, Fälschung von Identitäten und die Simulierung von Adoptionen einschloss.

Die Anzeige des Verfahrens zur Aneignung von Minderjährigen unter Ausnutzung der Schwächen und Lücken des Justizsystems der Diktatur wurde zum Banner der „Großmütter der Plaza de Mayo". Diese Organisation vereint mutige Verteidigerinnen der Gerechtigkeit und der Menschenrechte und entstand in den 1970er Jahren als ein Sprössling des Verbandes der „Mütter der Plaza de Mayo", die wegen Tausender Verschwundeter Einspruch erheben.

Gegenwärtig wird die Zahl der während der Repression verschwundenen Minderjährigen auf 500 Fälle geschätzt und bisher konnte 114 Enkeln, die in Gefangenschaft geboren oder zusammen mit ihren Eltern entführt wurden, ihre wahre Identität wiedergegeben werden. Hinzu kommen jene Kinder, von denen angenommen wird, dass sie umgebracht worden sind. Die Mehrzahl der Kinder gerieten in die Hände der Agenten der Repression, die deren Identität abänderten und sie als biologische Kinder aufzogen. Andere wiederum wurden gutgläubig adoptiert.

Die Aneignung von Minderjährigen war ein Vergehen, das erst nach den sogenannten Gesetzen der Vergebung und des Verzeihens der 80er Jahre, in der Zeit von Carlos Menem (1989-1999), eine Straftat darstellte.

Erst gegen Ende der 1990er Jahre erreichten die Großmütter, dass die Aneignung und der systematische Raub der Kinder Verschwundener als Verbrechen gegen die Menschlichkeit anerkannt wurde.

Einer der Träter des Terrors war Argentiniens Ex-Diktator Jorge Rafael Videla. Nach seinen Worten musste aufgeräumt werden mit einer „nicht repräsentativen Minderheit", die sich „von dieser zugunsten einer Seite politisierten linken und Dritte-Welt-Tendenz" beeinflussen ließ. Videla leitete den Staatsstreich, der die verfassungsmäßige Regierung von María Estela Martínez de Perón (1973-1976) stürzte und eine trübe Zeit in der neueren Geschichte des Landes beginnen ließ.

Die Verurteilungen und die Gerichtsverhandlungen, die es aufgrund der politischen Entscheidung des verstorbenen Ex-Präsidenten Néstor Kirchner gab und die durch die gegenwärtige Staatschefin Cristina Fernández weitergeführt wurden, belebten aufs Neue die Hoffnung vieler Argentinier, die wie Guido die Wiederherstellung ihrer Identität für „einen kleinen Sieg innerhalb einer großen Niederlage, die wir uns haben zufügen lassen", halten.
 

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