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Havanna, 4. September 2014

 

Wände, die Leben veränderten
• „Muraleando", ein Gemeindeprojekt in Lawton, hat die Umgebung seiner Bewohner verwandelt

Amelia Duarte de la Rosa

DIE ins Auge springende Malerei an den Häusern und Mauern sagt dem Besucher, dass er in einem besonderen Wohnviertel angekommen ist. Ein Viertel, das durch praktische Arbeit bewiesen hat, wie das soziale Potenzial, das in der künstlerischen Aktion liegt, die gemeinsamen Lebensräume von Menschen in Orte der Entspannung und des Wohlbefindens verwandeln kann.

Aber wenn man dann durch die Straßen geht, stellt man fest, dass es um mehr geht als um eine einzigartige Initiative, öffentliche Plätze mit Wandmalereien zu schmücken, Skulpturen aufzustellen und Gärten und Parks zu verschönern. Es geht vor allem darum, die Bewohner des Viertels mit der Kunst vertraut zu machen und zu diesem Zweck hat eine Gruppe von Personen vor dreizehn Jahren damit begonnen, einem Projekt, das sie „Muraleando" nennen, Leben einzuhauchen.

Dieses Projekt hat sich in eine Galerie unter freiem Himmel verwandelt und die Bewohner mit Kunst zum Anfassen erobert, die ihre Lebensqualität verbessert hat. Dazu zählen unter anderem die Beseitigung von wilden Müllkippen und die Verschönerung der öffentlichen Anlagen. Auch die Möglichkeiten, die Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen geboten werden, an Workshops für Malerei, Handarbeiten, Musik und Tanz teilzunehmen, gehören dazu.

Der Erfolg des Projekts wäre ohne die Ausdauer und den Erfindungsreichtum seiner Initiatoren nicht möglich gewesen.

Vor ungefähr vier Jahren haben sie damit begonnen, einen riesigen runden Wassertank aus Beton von etwa 12 m Durchmesser, der nicht mehr gebraucht wurde, so zu bearbeiten, dass daraus ein Haus der Kultur entstanden ist. „El Tanque" ist als Mittelpunkt des Projekts ein Begriff geworden.

Beim Gang durch dieses neue, noch im Bau befindliche Zentrum sprach der Maler und Hauptkoordinator Manuel Diaz Baldrich mit Granma über das Erfolgsrezept des Projekts:

„Seit der Schaffung des Kulturhauses, das heißt, seit wir 2010 angefangen haben, daran zu arbeiten, hat die Arbeit enorm zugenommen und es ist uns gelungen, das Projekt auszudehnen. Vorher hatten wir keinen festen Platz zur Verfügung und alles war ziemlich provisorisch, aber jetzt mit diesem ständigen Sitz ist es anders geworden", begann er zu erklären.

„Hier im ´Tank´ machen wir – vorwiegend an Samstagen – Kulturnachmittage oder auch Veranstaltungen zu bestimmten Feiertagen. Wir haben eine Künstlerbrigade mit den Talenten des Viertels und tauschen uns mit anderen Projekten aus. Im April waren wir in Ciénaga de Zapata. Wir hatten dort einige Auftritte, machten Wandmalereien und Skulpturen und es war eine sehr schöne Erfahrung."

„Jetzt im Sommer", sagte er, „machen wir es anders als die meisten und legen eine Pause ein, weil wir lieber möchten, dass die Kinder sich ausruhen. Aber wir halten schon noch punktuelle Aktivitäten aufrecht wie z.B. den Sommerworkshop zur Anfertigung von Schmuck-Kalendern. Auch finden Austauschtreffen mit anderen Stadtteilen statt, die von der Provinzdirektion für Kultur geplant werden. Aber in diesen Monaten kostet es Mühe, die Jungen und Mädchen zusammen zu bekommen, außerdem verdienen sie nach einem Jahr Arbeit genau wie wir Ferien. Trotzdem sind wir weiterhin mit dem Ausbau des Tanks und der Planung von künftigen Aktivitäten und Workshops beschäftigt", hielt er zur Arbeit von „Muraleando" fest, die bereits einige Würdigungen erfahren hat, darunter die Nominierung für den Nationalpreis der Gemeindekultur 2010.

„Die Workshops beginnen im September und enden im Juli. Der für Bildhauerei ist zu unserem Markenzeichen geworden und hat zwei verschiedene Stufen, eine für Anfänger und eine für Fortgeschrittene bzw. besonders Begabte. Seit zwei Jahren gibt es einen anderen Workshop, der sich „Cámara Chica" (Kleine Kamera) nennt und sich mit der audiovisuellen Welt befasst. Dann haben wir noch die Workshops für Kunsthandwerk und Herstellung von Armbändern. Diese waren ursprünglich für ältere Leute gedacht, aber inzwischen macht jeder mit, vor allem viele Mütter, die ihre Kinder zu uns begleiten. Die Musik-, Theater- und Volkstanzpädagogen stammen aus der Provinz Pinar del Rio, haben aber familiäre Bindungen zur Gemeinde.

Wir sprechen die Leute hier in unserer Gemeinde an, aber auch anderswo hören die Menschen von uns und wenn sie dann kommen, stehen ihnen unsere Türen offen. Unser Prinzip lautet, dass jeder, der mit uns zusammenarbeiten will, teilnehmen kann.

Ich habe schon oft Leute gefragt, warum sie von so weit herkommen und sie sagten mir, dass in ihren Stadtteilen nicht mit der gleichen Liebe gearbeitet werde wie hier. Hier ist alles gratis, wir verlangen von niemandem Geld und von uns bezieht auch niemand einen Lohn."

ZUGEHÖRIGKEITSGEFÜHL

Das Projekt am Leben zu erhalten sei schwierig, versichert Baldrich. „Als wir anfingen, haben wir nicht im Entferntesten davon geträumt, dass wir das alles erreichen könnten. Wir haben einige Etappen durchlaufen und die ersten waren sehr schwer, hauptsächlich deshalb, weil uns kein Raum wie dieser zur Verfügung stand. „Muraleando" ist ein Gemeinschaftsprojekt, an dem viele teilnehmen und alle spielen eine Hauptrolle. Ich glaube, genau darin liegt die Wurzel des Erfolges – darin, dass alle zusammen sich aktiv beteiligen. Wir haben einen Vorstand von etwa 15 Personen, teils Künstler, teils Bewohner der Gemeinde.

Wir planen, was wir an kurz- und mittelfristigen Zielen erreichen wollen und jeder im Projekt übernimmt Verantwortung.

Das übergeordnete Ziel aber ist die Verbesserung der Lebensqualität in der Gemeinde. Ich glaube, dass wir mit der Umwandlung des Viertels noch nicht am Ende unserer Möglichkeiten angelangt sind, aber 1 Prozent haben wir immerhin schon geschafft.

Früher waren die wilden Müllkippen an der Tagesordnung und wir haben sie unter Beteiligung aller beseitigt und Kunstwerke an ihre Stelle gesetzt. Es gibt immer noch welche, die die Umgebung verschandeln, aber es sind nur noch wenige. Wir haben dieses Zugehörigkeitsgefühl geweckt, aber das ist ein langer Prozess. Das Bewusstsein der Menschen zu ändern, ist kompliziert.

Viele sagen mir, dass, wenn man von Porvenir aus hierher komme, es so sei, als ob man in einer andere Welt eintrete. Die Leute atmen eine andere Luft, sie atmen Kultur und Sauberkeit.

Neulich habe ich eine Frau auf einer Bank sitzen sehen und sie gefragt, ob es ihr gut gehe. Sie antwortete mir: „Ja, ich genieße gerade mein Vedado." (Vedado ist, anders als Lawton, eine der schönsten und beliebtesten Wohngegenden Havannas, Anm. d. Übersetzers) Das hat mich sehr bewegt, denn es zeigt, dass die Leute dankbar sind und sich wohl fühlen und das hilft uns dabei, unsere Arbeit weiter zu tun.

Wir haben viel gearbeitet, aber immer davon geträumt, die Idee zu verwirklichen, das Viertel in eine Galerie der volkstümlichen Kunst zu verwandeln, wo das Volk mit der Kunst zusammenlebt", sagte er zum Schluss.

Die Akzeptanz von „Muraleando" ist nicht zu leugnen. Tausende von kubanischen und ausländischen Besuchern wie auch Persönlichkeiten der Kultur sind die Straßen dieser Gemeinde entlang gelaufen.

Dieses soziokulturelle Projekt ist der lebendige Beweis dafür, dass man mit festem Willen und Altruismus seine Umgebung verändern kann, so dass sie Spuren im Herzen der Menschen hinterlässt.


Über die Grenzen Kubas hinweg

DER Erfolg von Muraleando hat sich auch in anderen Ländern herumgesprochen. Nicht nur Teilnehmer der vom Institut für Völkerfreundschaft (ICAP) veranstalteten Brigaden besuchen den Stadtteil, um ihn mit einem eigenen künstlerischen Werk zu erfreuen. Auch Reisegruppen aus verschiedenen Ländern sind gern gesehene Besucher. Bei einem Rundgang informieren sie sich über die Entstehung des Projekts, im Gemeindezentrum können sie einen Live-Auftritt der projekteigenen Band verfolgen und sich die im „Tank" ausgestellten Kunstwerke ansehen, die größtenteils auch käuflich zu erwerben sind.

Die Künstler von Muraleando entwarfen auch eine Riesenleinwand mit kubanischen Motiven. Das Gemälde, dessen Fertigstellung einige Wochen in Anspruch nahm, führte einen Autokorso an, der im Juni 2009 anlässlich des 50. Jahrestags der kubanischen Revolution im Ruhrgebiet veranstaltet wurde.

Jedes Jahr im April findet ein internationaler Workshop statt. 14 Tage lang kommen Künstler aus Deutschland, Kanada, den USA und anderen Ländern, um mit den kubanischen Künstlern gemeinsam neue Werke zu schaffen. Dabei werden neue Techniken erprobt. Da die Malereien auf den Wänden den widrigen Wetterbedingungen ausgesetzt sind, müssen sie häufig erneuert werden. Inzwischen ist man dazu übergegangen, die Wände mit Kunstwerken aus Keramik und Metall zu versehen, Materialien, die viel haltbarer sind. Die Teilnehmer an diesen internationalen Workshops bringen das Material für die geplanten Kunstprojekte und für die Workshops, die sie gemeinsam mit den Kindern abhalten, selber mit.

Auch mit Mexiko, mit der dortigen José Martí Gesellschaft in Puebla, bestehen Kontakte, die man gerade dabei ist zu vertiefen. (Redaktion GI deutsch)
 

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