Stefan
Zweig, in seinem Buch
„Brasilien - ein
Land der Zukunft"
Lisanka
González Suárez
ES ist 14 Uhr und es sieht nicht nach einem
Sonntag aus, dem Tag der Ruhe und Entspannung.
Gruppen von Männern und Frauen in weißen Kitteln
kommen und gehen mit der Geschwindigkeit von
jemandem, der den Zug verpassen könnte, und bringen
die sonst ruhige Zentraleinheit für Medizinische
Zusammenarbeit in helle Aufregung.
Yvonne Rodríguez García, seit fast acht Jahren
stellvertretende Direktorin für Systemanalyse und
Medizinische Dienstleistungen der Einheit, verfolgt
aufmerksam die Bewegung, deren Großteil sich
scheinbar um sie dreht. Aber sie ist in der Lage,
die Übersicht zu behalten, eine Eigenschaft, die sie
sich bei der Ausführung verschiedener Aufgaben im
kubanischen Gesundheitswesen von der Pike auf
angeeignet hat, wozu zwei internationale Einsätze in
Pakistan und Honduras kamen, ausreichend, um die
Erfahrung und Klugheit zu erwerben, die in Zeiten
eines wichtigen und priorisierten Auftrags zu zeigen
sind: „In dieser Woche sollen alle noch fehlenden
Ärzte nach Brasilien reisen", erklärte sie. (Wenn
diese Ausgabe im Umlauf ist, werden bereits alle
11.430 kubanischen Ärzte in dem südamerikanischen
Land sein, die das Programm „Mehr Ärzte" umfasst,
das im zweiten Halbjahr 2013 angelaufen ist.)
Dabei ist die Möglichkeit auszuschließen, dass
die Entsendung so vieler Mediziner die Qualität der
Dienstleistungen für kubanische Patienten
beeinträchtigt, denn wir erfuhren aus erster Hand
von der Reorganisation und den Transformationen, die
im Gesundheitswesen stattfinden, und es spiegelt
sich auch in den Indikatoren wider: Wir haben eine
gesunde Bevölkerung.
TEILNEHMER DES PROGRAMMS
Die Ärzte, die am Kooperationsprogramm mit
Brasilien teilnehmen, kommen aus dem ganzen Land und
wurden in gleicher Weise, wie diejenigen, die
medizinische Brigaden in anderen Ländern
integrierten, nach Vorschlägen von Krankenhäusern
oder Kliniken ausgewählt. Eine Auswahl, die auf der
Bereitschaft und der tatsächlichen Verfügbarkeit
basiert, denn es ist, wie schon erwähnt, Bedingung,
dass keine Dienstleistungen suspendiert werden. Dazu
kommt, dass über 80 % der Ausgewählten nicht weniger
als 15 Jahre Berufserfahrung besitzen, während 100 %
von ihnen mindestens eine Mission im Ausland
geleistet haben, etwa 30 % mehr als eine.
In dem südamerikanischen Land werden sie
ausschließlich in der medizinischen Grundversorgung
tätig sein, und zwar in 4.070 Gemeinden der 26
Bundesstaaten sowie im Bundesdistrikt Brasilia und
in 32 speziellen Bezirken der Indigenen.
Im Juli 2013 stellte Präsidentin Dilma Rousseff
das Programm „Mehr Krankenhäuser und
Gesundheitseinrichtungen, mehr Ärzte und mehr
Ausbildung" vor, das Presseberichten nach
Forderungen der Bevölkerung in den meisten Teilen
des Landes nachkommt. Darin wird die Einstellung
ausländischer Ärzte priorisiert, um die
Dienstleistungen des öffentlichen Gesundheitssystems
zu erweitern.
Der internationale Aufruf zur Besetzung offener
Stellen in ländlichen Gebieten ist eine
verständliche Lösung, wenn man berücksichtigt, dass
Brasilien ein Defizit von 54.000 Ärzten hat, weshalb
es viele Gebiete ohne Ärzte gibt.
In diesem Zusammenhang sagte die brasilianische
Präsidentin am 21. März, die Ergebnisse des
Programms „Mehr Ärzte" zeigten die Richtigkeit der
Entscheidung der Regierung, die
Gesundheitsversorgung für die Bürger im ganzen Land
zu gewährleisten, hieß es in einer Meldung von
Prensa Latina.
„Ich wusste, dass ich viel Kritik erhalten würde
– sagte sie -, aber ich war mir sicher, dass das
brasilianische Volk verstehen würden, dass wir auf
dem richtigen Weg sind", wenn wir brasilianische und
ausländische Ärzte in die Gemeinden im Landesinneren
und in die Peripherien der Großstädte bringen. Sie
verkündete, dass im April 13.225 Ärzte im Einsatz
sein werden, womit die Abdeckung auf 46 Millionen
Menschen erhöht wird.
AUF DAS GANZE LAND VERTEILT
Kubanische Ärzte sind weltweit anerkannt, nicht
nur für ihre fachlichen Kenntnisse, sondern auch für
ihre menschlichen Qualitäten. Die Gemeinde, die über
einen Mitarbeiter des kubanischen Gesundheitswesens
verfügt, weiß, dass ihre Einwohner ohne
Diskriminierung betreut werden, wo immer es
gebraucht wird, auch an unwirtlichen und abgelegenen
Orten, selbst wenn es mit Gefahren verbunden ist, an
diese Orte zu gelangen.
„Es gibt feindlich gesinnte Personen, die
versuchen, einzelne Situationen auszunutzen, indem
sie sie verfälschen oder übertreiben", erklärt Dr.
Rodríguez zu dem Thema. „Was können ein Fall, zwei
oder drei Fälle darstellen im Vergleich zu der
Haltung von mehr als 11.000 Ärzten, die dort sind
...? Und die Bevölkerung hat uns anerkannt. So ist
es immer passiert, denn die kubanischen Mitarbeiter
verändern sogar den Stil der ärztlichen Betreuung in
Brasilien.
Die medizinischen Fachleute sind auf ganz
Brasilien verteilt. Sie sind nicht in den Zentren
der großen Städte, sondern in den Peripherien. Dies
ist ein Grundprinzip der Zusammenarbeit gewesen,
dass sie ihre Arbeit in abgelegenen und schwer
zugänglichen Orten verrichten.
„Brasilien ist nicht nur das, was wir in den
Fernsehserien sehen, die uns so gefallen, es ist
viel mehr, es ist so groß wie ein Kontinent und
voller Gegensätze", betonte Yvonne. „Und unsere
Ärzte gehen dort hin, wo die Ärmsten und
Bedürftigsten sind, sowohl in alle Teile des
Amazonas-Gebiets, als auch in die Peripherie der
großen Städte wie Brasilia, Sao Paulo, Belo
Horizonte, Vitoria, Fortaleza, Bahia und andere
mehr."
Daniel Carvalho, Korrespondent von Folha de Sao
Paulo in Pernambuco, schreibt in seinem Bericht
unter dem Titel Die Nachfrage nach Ärzten im
Landesinneren ist riesig wie folgt:
„ ... Die kubanische Ärztin Teresa Rosales ist
überrascht von der Aufnahme durch ihre Patienten in
Brejo da Madre de Deus, im Bezirk São Domingos,
einer armen, von Dürre geplagten Region im Inneren
von Pernambuco. ´Sie [die Patienten] sprechen auf
dem Boden kniend, danken Gott und geben Küsse´,
sagte die Ärztin, die 231 Personen betreut hat im
ersten Monaten der Arbeit der Mediziner, die im
Rahmen des Programms „Mehr Ärzte" der Regierung nach
Brasilien kamen."
Etwas so Natürliches für die Ärzte der Insel, wie
einen Bauern, eine Indigene zu untersuchen, die
richtige Diagnose zu stellen, verursacht Erstaunen
unter den Patienten, wie der Journalist beschreibt.
„ ... In den letzten vier Jahren hatte es dem
medizinischen Posten am Grundlegendsten gefehlt: an
Ärzten. Wer sich kilometerweit auf unbefestigten
Wegen zu Fuß zur nächsten Gesundheitseinrichtung
aufmachte, kam meist unverrichteter Dinge zurück
..." Die Warteschlangen für die Sprechstunden sind
lang. „Gott hat diesen Mann geschickt", sagte laut
dem Journalisten die Bäuerin Inácia Maria Silva, 69
Jahre alt, die im Jahr 2005 zum letzten Mal einen
Arzt gesehen hatte. Sie erklärt sich beeindruckt von
der Art und Weise, in der sie von dem Kubaner Nelson
López, 44, dem neuen Arzt des Dorfes Capivara, in
Frei Miguelinho, behandelt wurde.
Und Carvalho stellt fest: „Der Unterschied kommt
schon in der Aufstellung der Möbel zum Ausdruck: Der
Patient sitzt auf einem Stuhl neben dem Schreibtisch
des Arztes, so dass der Tisch nicht zur Barriere
zwischen ihnen wird."
Es überrascht nicht, dass die brasilianische
Präsidentin selbst vor kurzem auf Ihrem Facebook-Konto
einen Artikel der Zeitung G1 des Bundesstaates Bahia
empfohlen hat, der die Arbeit der in diesem Gebiet
tätigen kubanischen Ärzte beschreibt.
WIR WERDEN NIE DIE SOLIDARITÄT AUFGEBEN
Präsident Raúl Castro ging auf dem jüngsten
Kongress des Gewerkschaftsdachverbandes Kubas auf
die Bedeutung der medizinischen Zusammenarbeit für
die Wirtschaft des Landes ein und kündigte an, dass
das Gehalt der Mitarbeiter des Gesundheitswesens
erhöht werde, „weil das Haupteinkommen des Landes
derzeitig aus der Arbeit von Tausenden Ärzten
erwächst, die im Ausland Dienstleistungen erbringen".
So wird das Gesundheitspersonal ab Juni erhöhte
Gehälter empfangen, wie auch in der nationalen
Presse bekannt gegeben wurde.
„Oft betone ich, dass die Tatsache, dass die
medizinische Zusammenarbeit die erste Einnahmequelle
des Landes ist, der Weitsicht unseres Comandante
Fidel zu verdanken ist", sagte die stellvertretende
Leiterin der Zentraleinheit der Medizinischen
Zusammenarbeit. „Ich erinnere mich daran, als er
sagte, dass wir weder Gold noch Öl haben, was wir
haben, ist ein gebildetes und gut ausgebildetes
Personal, das fähig ist, anderen zu helfen.
Eigentlich ist das, was ein kubanischer Arzt im
Ausland tut, nicht bezahlbar. Wenn wir jedoch so
direkt helfen, halte ich das für sehr gerecht.
Andererseits werden wir jetzt, wo wir einen anderen
Moment durchleben, die Solidarität niemals aufgeben."
WIE WIR ES IMMER GETAN HABEN
• DIOSVANY JUNCO BRINGA, 43, aus Santa Clara,
Villa Clara, Facharzt für Allgemeinmedizin, 20 Jahre
Erfahrung. Er war Direktor der Poliklinik „20.
Jahrestag" in seiner Heimatstadt. Er erfüllte
Missionen in Belize und Venezuela.
„Was man am meisten vermisst, ist die Familie",
sagte Diosvany, der bei der feierlichen
Verabschiedung am Abend der Fahnenträger der Gruppe
sein würde, die am nächsten Tag abreist.
Von seinen beiden vorherigen Missionen habe er
bleibende Erinnerungen, obwohl sie sehr
unterschiedlich waren. In Belize arbeitete er in
einem führenden Krankenhaus der Hauptstadt und war,
wie er sagte, unbewaffnet, was die Sprache betraf,
eine echte Herausforderung für ihn. „... aber ich
bewältigte sie, denn die Kubaner wachsen angesichts
von Schwierigkeiten. Venezuela war eine Schule für
mich. Ich begann als Praxis-Arzt in Zulia, in
Maracaibo, war dann Berater der Ärzte-Praxen und
später übernahm ich andere Tätigkeiten wie die als
Leiter der Mission in diesem Bundesstaat."
Nach seinen Erwartungen in Brasilien befragt,
antwortete er: „Das riesige Land Südamerikas ist,
wie auch Venezuela, ein Land großer Kontraste, mit
einer immensen Bevölkerung, die heute aus
medizinischer Sicht praktisch unbetreut ist. Es hat
eine bedeutende Anzahl von Medizinern, aber sie sind
in den Bundeshauptstädten und deren Umgebung
konzentriert, und gehen nicht dort hin, wohin wir
gehen, und wir werden das gleiche tun, was wir immer
getan haben." •
GESUNDHEITSSCHÄDLICHE GEWOHNHEITEN ÄNDERN
• JUAN CARLOS ARIAS CABRALES, 47, aus Arroyo
Naranjo, Havanna , Facharzt für Allgemeinmedizin.
Es gibt rund um die Missionen immer hohe
Erwartungen, unabhängig davon, dass ich bereits eine
in Venezuela geleistet habe, wo ich etwa sieben
Jahre lang war, bis 2011. Nach meiner Rückkehr war
ich in der Leitung des Gesundheitswesens in der
Provinz Havanna tätig.
In Brasilien hoffe ich, dass es möglich ist,
durch Erziehungsarbeit und ohne die Bräuche zu
modifizieren, einige gesundheitsschädliche
Lebensgewohnheiten auszumerzen, die sich weltweit
ähneln.
In Venezuela taten wir es praktisch allein, dann
wurden mit der Zeit Promotoren in der Gemeinschaft
ausgebildet und Lehrveranstaltungen für junge
Menschen gegeben, auf die wir uns dann in unserer
Arbeit stützten. Das ist wichtig, ohne ihre Bräuche
abzuwandeln, mit großem Respekt, aber beratend und
helfend. Das grundlegende Problem in Brasilien ist
im Moment, dass es an einigen Orten kein
medizinisches Personal gibt, aber es gibt einen
Grundbestand, der die Bevölkerung gut kennt. •
DIE MENSCHEN WERDEN UNS MÖGEN
• BELSYS ACOSTA CABRERA. Fachärztin für
Allgemeinmedizin, Santa Clara, Villa Clara , 32,
Ärztin der Poliklinik „20. Jahrestag". Sie erfüllte
in Venezuela für mehr als fünf Jahre hinweg eine
Mission im Bereich der Arbeit in der Gemeinde.
Als Diosvany und ich zurückkamen, hatten wir die
Absicht, eine Familie zu gründen, weil wir noch
keine Kinder haben, aber jetzt haben wir es um drei
Jahre verschoben. Wir sind jung und lieben uns, wir
haben Zeit.
Wir haben uns sprachlich gut vorbereitet. Ich
weiß noch nicht, wohin wir geschickt werden, aber
wir werden mit Patienten in der Gemeinschaft
arbeiten. Sobald wir ankommen durchlaufen wir einen
Kurs in der portugiesischen Fachsprache, und danach
werden wir eingestuft.
Wir werden nicht in die Städte geschickt, sondern
in ländliche Gebiete und ich bin mir sicher, dass
uns die Menschen, wie immer, mögen werden.
Was man am meisten vermisst, ist die Familie, und
alles andere auch, die Gewohnheiten, alles ... Die
Erfahrung einer vorherigen Mission gibt uns Stärke
und mehr Sicherheit.
• Mit einer Fläche von etwa 8,5 Millionen
Quadratkilometern und mehr als 200 Millionen
Einwohnern ist Brasilien das fünfte der
bevölkerungsreichsten Länder der Welt.
• Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation
beträgt die Ärztedichte 1,72 Ärzte pro 1.000
Einwohner und es gibt 2,4 Krankenhausbetten pro
1.000 Einwohner.
• Die große territoriale Ausdehnung Brasiliens
umfasst verschiedene Ökosysteme, wie das Amazonas-Gebiet,
das als reichstes und artenreichstes Regenwald-Gebiet
der Welt anerkannt ist.
• Nach einem Bericht des Kinderhilfswerks der
Vereinten Nationen (UNICEF) sank die Rate der
Säuglingssterblichkeit, die im Jahr 1990 bei 62 pro
1.000 Lebendgeburten lag, auf 14 pro 1.000 im Jahr
2012, womit sie immer noch hoch ist.