Gestern erwachte Port-au-Prince anders. Im
zerstörten Präsidentenpalast, früher ein Stolz
dieser aktiven Nation, hing die Nationalfahne zum
Zeichen der Trauer auf Halbmast.
An diesem Mittwoch erwachten die gewöhnlich
animierten und lärmenden Straßen der Stadt
schweigend. Die Regierung hatte den Tag zum "Tag des
Gedenkens und der Erinnerung" erklärt, um der Opfer
des schlimmsten Erdbebens zu gedenken, das dieses
Land in den über 200 Jahren seiner Existenz erlitten
hat.
Tausende Haitianer, ihrer Religion gemäß schwarz
oder weiß gekleidet, drückten ihren tiefen Schmerz
aus und erhoben auf Plätzen, in Parks, Kirchen und
anderen Anlagen ihre Arme gegen den Himmel, um ihren
Gott um ewige Ruhe für die Seelen derer zu bitten,
die ihr Leben an diesem verhängnisvollen Nachmittag
des 12. Januar 2010 verloren, als die haitianische
Erde mit einer Wut wie nie bebte und mit
ungewöhnlicher Grausamkeit die Hauptstadt und andere
Städte in der Nähe zerstörte.
Dessalines, die wichtige Geschäftsstraße dieser
verwüsteten Stadt, auf der es an einem normalen Tag
schwierig ist zu laufen oder zu fahren, war
ungewöhnlich leer. Niemand ging zur Arbeit, die
großen, mittleren und kleinen Geschäfte öffneten
ihre Türen nicht.
Die so genannten Marché-Läden (beliebte
informelle Märkte) von Salomón, Hipólito und der auf
der Hafenstraße, der größte von allen, waren
praktisch leer. Sogar die Supermärkte, die
normalerweise auch an Feiertagen öffneten, taten es
nicht.
Vor den großen Lebensmittellagern warteten die
Lastkraftwagen darauf, entladen zu werden, und meine
Begleiter, Carlos, der Dienstleiter der kubanischen
Ärztebrigade; Jorgito, der Einkäufer, und Sobrino,
der Fahrer, mussten mit leeren Händen gehen. Die
Stadt erwachte auch stark bewacht von den Kräften
der Landespolizei und der UN-Mission zur
Stabilisierung Haitis (MINUSTAH).
Es gab besondere Motive, es war ein Tag der
Reflexion, ein Tag, um ein besonderes Gebet für
Haiti an den "Herrn" zu richten, damit sich Haiti
ändert und weiter lebt, trotz dieser immensen
menschlichen Tragödie.
In der zerstörten Kathedrale von Port-au-Prince
drängte sich eine Menschenmenge, um die katholische
Messe des guineischen Kardinals Robert Sarah zu
hören, dem Präsidenten des Päpstlichen Rats "Cor
Unum" (das eine Herz) und Abgesandter von Papst
Benedikt XVI.
Parallel dazu fand in Champs de Mars eine
offizielle Zeremonie statt, wo im Beisein vom
Präsidenten des Landes, René Preval, Mitgliedern
seiner Regierung und weiteren Gästen der Grundstein
zum "Memorial von Port-au-Prince" gelegt wurde.
Im 1941 gegründeten Nationalbüro für Ethnologie
boten die wichtigsten Priester des Vudú, einer unter
den Haitianern sehr verbreiteten Religion, ihren
afrikanischen Göttern eine Trommel dar, um "Ruhe"
für die Toten zu erbitten und dafür zu danken, am
Leben zu sein.
Die junge Kettly Edmond, eine
Dienstleistungsangestellte, deren Eltern in ihrem
Haus in Bel-air verschüttet wurden und starben,
sagte Granma gegenüber, dass sie sich ein
Jahr nach der schrecklichen Katastrophe, die ihr
Land betraf, immer noch sehr schlecht fühle. "Ich
verlor viele meiner Angehörigen, Freunde und
Bekannten; und alle Mittel, die ich zum Überleben
hatte. Heute versuche ich mühsam, mein Leben wieder
aufzubauen", sagte sie schwermütig.
Frantzy Marcelyn und Loubert Montout baten für
ihr leidendes Haiti um viel Einheit, um beim
Wiederaufbau voranzukommen, die Cholera zu besiegen
und aus dem schwierigsten Trance der Geschichte
dieses Landes herauszukommen, der ersten
unabhängigen Republik Lateinamerikas und der Karibik
und der zweiten des Kontinents.
Die Aufgabe ist titanisch. Das Erdbeben zerstörte
Port-au-Prince, das wirtschaftliche und politische
Zentrum des Landes, und seine schwache Infrastruktur.
Tausende leben noch in Baracken und Zelten, während
die Arbeitslosigkeit, die Armut, der sanitäre
Notstand, die Marginalität, die Unsicherheit der
Bürger, die politische Ungewissheit und die
Krankheiten wie die gegenwärtige Choleraepidemie
kein Ende zu haben scheinen.
Währenddessen erfüllt die internationale
Gemeinschaft ihre Versprechen zum Wiederaufbau des
Landes nicht.
Ein Jahr nach der Tragödie sind die Wunden Haitis
noch nicht geheilt.